MEDIEN: MIGROS MAGAZIN – «Freiwillig kommt hier niemand hin»

Der folgende Artikel wurde in der Printausgabe (September 2020) im gedruckt. Migros Magazin  veröffentlicht. Online findet man den Originalartikel hier.

Flüchtlingslager auf Samos

«Niemand kommt hier freiwillig hin.»

Auf der griechischen Insel Lesbos ist ein Flüchtlingscamp niedergebrannt. Auch auf dem etwas südlicher gelegenen Samos ist die Lage prekär. Die Schweizerin Liska Bernet hilft dort den Geflüchteten – sie erzählt.

Text Lisa Stutz
GettyImages-860956392.jpg

Das Flüchtlingscamp von Samos liegt gleich neben der Stadt Vathy. Seit vergangener Woche befindet es sich im Lockdown – die Situation ist schwierig.

Ich habe keine Angst, wenn ich durch das Lager gehe. Als Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation fühle ich mich sicher. Trotzdem tue ich es nur, wenn es sein muss. Freiwillig kommt niemand hierher: zu viele Menschen, zu viel Schmutz. Das Lager liegt an einem steilen Hang direkt neben der Stadt Vathy. Der offizielle Teil bietet Platz für 650 Menschen. Er ist durch einen Zaun vom «Dschungel» abgegrenzt. So nennt man den inoffiziellen Teil, der sich ringsherum gebildet hat. Dort leben 4000 Menschen. Oft in Hütten, die sie aus Planen und Holz gebaut haben. Oder in Campingzelten.

Wenn neue Leute ankommen, werden sie registriert, und dann müssen sie sehen, wie sie klarkommen. Es wird sogar mit Unterkünften gehandelt – man beobachtet durchaus auch Innovatives. Neulich habe ich gesehen, dass jemand eine kleine Bäckerei eröffnet hat. 

Sonst herrscht viel Elend. Es gibt praktisch keinen Strom und keine ­sanitären Anlagen. Die Leute bauen selber Toiletten. Diese sind jedoch nicht an die Abwassersysteme angeschlossen. Und für Frauen ist es gefährlich, in der Nacht auf diese Toiletten zu gehen. Es gibt viele Vergewaltigungen. Die Frauen behelfen sich mit Flaschen oder Becken.

Auch Müll ist ein Problem, es hat deswegen viele Ratten im Camp. Diese schleppen Krankheiten ein, Krätze oder Tuberkulose. Im Jahr 2019 haben wir 1400 Liter Anti-Läuse-Shampoo verteilt. Die Zustände im Camp sind nicht menschenwürdig. Manchmal erdrückt mich das. Doch dann weiß ich umso mehr, weshalb wir machen, was wir machen. 

Die Schweizerin Liska Bernet (31) lebt auf Samos.
Die Schweizerin Liska Bernet (31) lebt auf Samos. Mit dem von ihr gegründeten Unternehmen «Glocal Roots» engagiert sie sich vor Ort für Flüchtlinge. Die Hilfsorganisation führt verschiedene Projekte im Bereich Migration in Griechenland und in der Schweiz durch.

Ich bin in Ebertswil ZH aufgewachsen. An der Uni Zürich habe ich Politikwissenschaften studiert, dann Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Nothilfe an der London School of Economics. Als Helferin war ich in Serbien, auf Lesbos und in Athen. Zuerst habe ich für grössere NGOs gearbeitet – doch das war nichts für mich. Mir sagen kleinere Organisationen mehr zu, denn ich will schnell und agil sein. Seit eineinhalb Jahren lebe ich hier in einer Zweizimmerwohnung, zu Fuss sind es fünf Minuten zum Camp.

Das Problem ist die Politik

Ich bin enttäuscht von den griechischen Behörden und von Europa. Es fehlt nicht an Geld oder Know-how, das Problem ist die nationale und internationale Politik. Seit Jahren hätte man die Zustände verbessern können. Seit vergangenem März hätte man sich auf Corona-Fälle in Lagern vorbereiten können. Und seit Moria weiß man, wie es eben nicht geht.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Situation im Lager auf Samos noch mehr eskaliert. Die Menschen leben hier Zelt an Zelt, ein hochansteckendes Virus geht um, und sie werden eingesperrt. Eine Eskalation ist die logische Konsequenz. Ich bin ehrlich: Ich habe Angst davor, was jetzt passiert.

Facebook
Twitter
LinkedIn

Lisa Stutz

Journalistin Migros Magazin

Schreibe einen Kommentar