MEDIEN: WATSON – Gesichtsmasken für Geflüchtete: Eine Berner Coiffeuse auf einer besonderen Mission
Der folgende Artikel ist von Watson
Was macht eine Berner Coiffeuse im Flüchtlingsdschungel auf der griechischen Insel Samos? Lou Liechti, 28 Jahre alt, schneeweisse Zähne, offenes Lächeln, blaue Augen kontrastiert durch dunkle, buschige Brauen. Forscher Schritt, die Füsse in modischen schwarzen Plateau-Stiefeln. Normalerweise frisiert Liechti in einem der angesagtesten Salons von Zürichihren Kunden die Haare. Ein guter Job sei das, sie arbeite gerne mit den Händen. Es sei befriedigend, weil sie am Ende des Tages sehe, was sie geschaffen habe. «Und in den allermeisten Fällen haben auch meine Kunden Freude am Resultat», sagt sie lachend und streicht sich eine Strähne ihrer blonden Mähne hinters Ohr. Sie wirkt erfrischend bodenständig.
Vielleicht ist es diese Eigenschaft, die sie vor Kurzem zu einem Schritt bewog, den sie aus ihrer Komfortzone in Zürich mitten ins Elend in der griechischen Ägäis katapultierte: Liechti reiste auf die Insel Samos, wo sie in einem Zentrum für Flüchtlingsfrauen Freiwilligenarbeit leistete. Nicht etwa als Köchin, medizinische Assistentin oder juristische Beraterin – obwohl dies allesamt Arbeiten sind, die auf der griechischen Insel ebenfalls sehr willkommen sind. Nein, während einer Woche bot die Coiffeuse Schönheitsbehandlungen und Seifen-Workshops an.
«Ich weiss, das hört sich im ersten Moment etwas seltsam an. Viele fragten mich: Wozu brauchen Flüchtlinge denn einen Beauty-Kurs?» Liechti sitzt in einem der schwarzen Ledersessel, auf dem sonst ihre Kunden Platz nehmen. Ihre Beine hat sie übereinandergeschlagen, die Ärmel des schwarzen Pullovers etwas hochgekrempelt. Es sei ihre Schwester gewesen, die sie auf die Idee gebracht habe. Seit letztem Sommer Sie arbeitet auf Samos und leitet dort das Frauenzentrum des Schweizer Vereins Glocal Roots.
Vor etwas mehr als einem Jahr gründeten die Zürcherinnen Liska Bernet und Sabin Müller die gemeinnützige Organisation Glocal Roots. Selbsternanntes Ziel ist es, Menschen mit Fluchthintergrund darin zu unterstützen, in einer neuen Gesellschaft ein autonomes und selbstbestimmtes Leben zu führen. In der Schweiz und in Griechenland entwickelt Glocal Roots Projekte mit dem Ziel, die Unabhängigkeit von Menschen mit Fluchthintergrund zu stärken. Das Zentrum «Wir sind eins» Auf Samos soll in erster Linie ein sicherer Raum für geflüchtete Frauen geschaffen werden. Die Räumlichkeiten bieten Frauen einen sicheren Ort, an dem sie den Tag verbringen können. Sie erhalten Unterstützung bei der Bewältigung von Stress, Angst oder Trauma. Glocal Roots widmet sich Spendenangewiesen.
Das «We Are One»-Zentrum wird von den Betreiberinnen in erster Linie als ein sicherer Hafen für geflüchtete Frauen beschrieben. Denn tatsächlich sind Frauen auf der Flucht stärker als Männer von Gewalt, Ausbeutung und sexuellen Übergriffen betroffen. Daher soll das Zentrum ein Ort sein, an dem sie unter sich sein, Tee trinken und plaudern können, wo sie Hygieneartikel erhalten und in Sprechstunden beraten werden, wo sie im Internet surfen oder an Computerkursen teilnehmen können – und wo es jeden Freitag ein spezielles Wellness-Programm gibt.
Als Liechti vor einiger Zeit begann, Seife selbst herzustellen, kam ihr die Idee: Warum ihr Wissen nicht im Frauenzentrum einbringen? Schließlich ist sie ja Expertin in Sachen Beauty und Wellness. Ihre Schwester fand den Vorschlag ausgezeichnet. Also nahm sich Liechti eine Woche frei und flog auf Samos.
In den Dschungel auf Samos
Was während der Flüchtlingskrise auf Samos, Lesbos und anderen griechischen Inseln passierte, ist bekannt. Die Bilder von überfüllten Lagern, kaputten Gummibooten, angespülten Kinderleichen gingen um die Welt. Dass das Drama seither nicht abgerissen hat und weiter seinen Lauf nimmt, darüber wird inzwischen kaum mehr berichtet. Entsprechend erschüttert ist Liechti, als sie mit dem Auto vom Flughafen in Richtung Osten der Insel fährt.
«These are scenes I couldn't have imagined,» she says. On a hill, tent stands next to tent. Garbage heaps all around, everything is moving. There is no infrastructure, the conditions are undignified. The refugees on Samos call what shocked Liechti so lastingly on her first day on the island the «jungle.» Because the official refugee camp has long since burst at the seams – between 7,000 and 8,000 people live there, although it is only designed for 650 people – thousands have set up camp outside the container settlement in a tent camp. «What got under my skin the most was how loud it is everywhere,» says Liechti. The crying of children, barking dogs, music, a rampant argument – her head was spinning on the very first evening.
Neben dem völlig überfüllten offiziellen Flüchtlingscamp leben tausende Menschen seit Monaten in einem Zelt-Dschungel. Bild: AP
Doch viel Zeit, um all die Eindrücke zu verarbeiten, habe sie gar nicht gehabt. Ab dem Moment, in dem sie das Frauenzentrum von Glocal Roots zum ersten Mal betrat, sei sie förmlich von den Besucherinnen überrannt worden. «Man merkt sehr schnell: Es fehlt hier an allem. Darum ist auch jede Hilfe willkommen.»
Liechti schaut nachdenklich auf ihre Hände. Sie habe sich zuerst schon kurz gefragt, was sie dort eigentlich mache. Die Leute würden in Zelten leben, jetzt stehe der Winter bevor und das bedeute der absolute Horror. Und dann komme sie aus der Schweiz angereist und mache Gesichtsmasken und Seife. Das sei schon etwas absurd. Aber sie könne nun mal keine Häuser bauen oder die Leute juristisch beratschlagen. «Was ich aber kann, ist ihnen etwas fürs Wohlbefinden zu geben. Wenigstens konnte ich die Frauen dort für ein paar Stunden etwas warmhalten.»
Liechti stellt im Frauenzentrum auf Samos Seife her.Bild: Watson
Und von ihrem Angebot hätten die Besucherinnen nicht genug kriegen können. Sie habe schnell aufgehört zu zählen, wie vielen Frauen sie eine Gesichtsmaske aufgetragen habe. «Es war schön zu sehen, wie sie dort nebeneinander auf Stühlen sassen, mit Gurkenscheiben auf den Augen und miteinander plauderten, als ob es das normalste auf der Welt war.» Liechtli lacht bei der Erinnerung an dieses Bild. Sie sei froh, dass die Frauen für einen kurzen Moment dem Irrsinn des Dschungels entfliehen konnten.
Auch die Seifenherstellung sei gut angekommen. Nicht nur sei das etwas, das alle gut gebrauchen könnten, weil die hygienische Situation auf Samos für die Flüchtlinge dramatisch sei. «Es war für die Frauen auch grossartig, selber etwas zu erschaffen, das sie am Schluss mitnehmen konnten.»
Im Frauenzentrum können geflüchtete Frauen dem alltäglichen Irrsinn etwas entfliehen. Bild: Watson
She wants to return in the spring
Seit einigen Wochen ist Liechti zurück in der Schweiz. Es gibt kaum einen Tag, an dem sie nicht an die geflüchteten Frauen auf Samos denkt. «Diese humanitäre Katastrophe spielt sich nicht irgendwo weit weg von uns ab, sondern direkt vor unserer Haustüre. Griechenland liegt zwei Flugstunden von uns entfernt. Ich verstehe nicht, wie die EU so etwas zulässt.» Immer wieder ertappt sie sich dabei, dass sie in einen Strudel aus negativen Gedanken gerät, ihr materielles Leben hier in der Schweiz hinterfragt, sie es ungerecht findet, dass es ihr gut geht, während andere gleichzeitig verelenden.
Sie ist mit ihrer Schwester in ständigem Kontakt. Obwohl es kälter wird, kämen immer noch jeden Tag neue Leute mit dem Boot auf Samos an. Glocal Roots sammle derzeit Geld, damit das Frauenzentrum über den Winter vergrößert werden könne. «Ich würde gerne nochmals hin», sagt Liechtli und hält kurz inne, ehe sie weiter spricht. «Aber erst im Frühling, ich glaube, ich würde den Anblick des Elends im Winter nicht ertragen.»
Sarah Serafini
Journalistin, Watson














