MEDIA: Urner Zeitung – Taschen, die Geschichten erzählen

Der folgende Beitrag wurde in der Urner Zeitung im Juni publiziert. 

Noemi Walker lebte zehn Jahre lang in Berlin und entschied 2024, in Altdorf ihren Laden zu eröffnen. Bild: Valentina Blaser (Altdorf, 2. 7. 2024)

Im kleinen Laden «Noemimehanis Concept Store & Atelier» in der Tellsgasse in Altdorf gibt es viel zu entdecken. Neben Kleidern, Schmuck und Dekorationsartikeln finden sich zahlreiche handgemachte Produkte. Vieles davon entwirft und produziert Inhaberin Noemi Walker selbst, anderes stammt von lokalen Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Werke im Geschäft verkaufen.

Wer genauer hinschaut, entdeckt zwischen den Produkten jedoch auch Gegenstände mit einer besonderen Geschichte. Auf einigen hängt ein englischsprachiges Etikett, das von der Lebenssituation der jeweiligen Herstellerin erzählt. Auf einer Tasche steht beispielsweise: «Dieses Produkt wurde von Yasmin aus Syrien hergestellt. Sie lebt in der Türkei, wo sie vier Kinder alleine grosszieht, während ihr Ehemann im Gefängnis ist. Yasmin durfte nie in die Schule und kann weder lesen noch schreiben. Deshalb ist sie froh, die Möglichkeit zu haben, Geld zu verdienen.»

Hinter diesen Produkten steht die gemeinnützige Organisation «Glocal Roots». Sie engagiert sich für geflüchtete Personen in der Schweiz, Griechenland und der Türkei. Dabei unterstützt die Organisation Projekte vor Ort und setzt sich dafür ein, bessere Lebensbedingungen für geflüchtete Menschen zu schaffen.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Organisation und dem Bau von Gemeinschaftszentren. Dort entstehen unter anderem geschützte Räume für Frauen und ihre Kinder, in denen sie Unterstützung, Austauschmöglichkeiten und neue Perspektiven finden. In den Zentren können die Frauen auch an Kursen teilnehmen, während ihre Kinder betreut werden. Zudem erhalten die Menschen dort Zugang zu medizinischer Versorgung.

Auch berufliche Förderung wird geboten: Durch Nähkurse und andere Ausbildungsangebote erhalten Frauen vor Ort die Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erlernen und ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Anschliessend können sie Produkte herstellen und verkaufen – darunter auch jene Taschen, die heute in Altdorf angeboten werden. Die Näherinnen erhalten für ihre Arbeit einen fairen, gesicherten Lohn. Mit dem Verkauf der Produkte werden zudem die gemeinnützigen Projekte der Organisation unterstützt.

Für Noemi Walker genügte es jedoch nicht, die Produkte lediglich im Laden anzubieten. Sie wollte sich selbst ein Bild von den Projekten machen. Deshalb reiste sie für drei Wochen nach Griechenland und in die Türkei. Eine Woche verbrachte sie in der türkischen Stadt Izmir, anschliessend zwei Wochen in Athen und dessen Umgebung. Vor Ort lernte sie die Frauen hinter den Produkten kennen, begleitete sie in ihrem Alltag und arbeitete mit ihnen zusammen. Dabei gab sie ihr handwerkliches Wissen weiter und verschaffte sich gleichzeitig einen Eindruck davon, wie die Projekte von Glocal Roots umgesetzt werden.

«Es war extrem eindrücklich», erzählt Walker. «Die Frauen dort waren ein tolles Team und die Lebensfreude der Leute war gross, trotz der Tragödien, die sie durchmachen mussten. Die Kommunikation war zwar manchmal schwierig, aber mit Englisch und etwas Zeichensprache funktionierte es schlussendlich immer.»

Besonders beeindruckt zeigte sie sich vom Umgang mit Materialien. Die Produkte von Glocal Roots entstehen nach dem Prinzip des Upcyclings, dem Wiederverwenden von Stoffen und Kleidern, die andernfalls entsorgt würden. Da in Ländern wie Griechenland und der Türkei grosse Mengen an Textilien weggeworfen werden, sammelt die Organisation diese Stoffe und gibt ihnen eine neue Verwendung.

«Wir sind über einen Markt in Griechenland gelaufen. Dort lagen tonnenweise Stoffe, Kleider und andere Gegenstände. Nach Marktschluss blieb unglaublich viel übrig. Manche Händler gaben die Reste gratis ab, andere warfen unverkaufte Ware einfach weg. Da wurde es nochmals deutlich, wie wichtig Upcycling ist», erzählt Walker.

Mittlerweile verkauft Walker neben den Taschen weitere Produkte aus den Projekten der Frauen. Dazu gehören etwa gestrickte Schlüsselanhänger, die ebenfalls mit Informationen über ihre Herstellerinnen versehen sind.

Für die Zukunft kann sich Noemi Walker vorstellen, noch stärker mit den Frauen zusammenzuarbeiten. «Ein Ziel wäre es, dass meine selbst designten Produkte dort hergestellt werden. So weiss ich, dass mein Geld in eine gute Sache fliesst und Frauen unterstützt, die diese Möglichkeit wirklich brauchen. Für viele von ihnen ist es das erste selbstverdiente Geld überhaupt. Das gibt ihnen ein Stück Unabhängigkeit zurück.»

Artikel: Finn Kaufmann, Urner Zeitung Juni 2026

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